Dr. Michael Weiß und Axel Krüsmann bieten ihren Famulanten und Blockpraktikanten deshalb nicht nur praxisnahe Einblicke in ihre vielfältige Arbeit. Die Allgemeinmediziner aus Gelting nehmen die Nachwuchsmediziner sogar mit hinaus auf die Ostsee, wenn der Seenotrettungskreuzer NIS RANDERS zur Übungsfahrt ausläuft.

Aprilmorgen im beschaulichen Hafen von Maasholm. Die ersten Segler haben bereits die Saison eröffnet. Ansonsten sind nur ein paar Touristen und einige einheimische Fischer im kleinen Ort an der Schleimündung schon so früh unterwegs. Die Besatzung des Seenotrettungskreuzers NIS RANDERS bereitet sich routiniert auf die heute anstehende Übungsfahrt vor. Nadine Pohlmann lässt sich noch einmal den milden Frühlingswind um die Ohren wehen. Für sie ist es heute ein aufregender Tag. Die Medizinstudentin aus Hamburg macht ihre Famulatur in Allgemeinmedizin in der Landarztpraxis in Gelting. Heute darf sie ihren Lehrarzt Der Allgemeinmediziner ist ausgebildeter Rettungsmediziner und Taucherarzt und begleitet das Schiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) seit vielen Jahren. Im Notfall wird er angerufen und rückt mit aus. Die Einsatzfrequenz ist glücklicherweise gering. Es gibt nur wenige Einsätze im Jahr, die eine notärztliche Begleitung erfordern. Die medizinischen Probleme reichen vom abgerissenen Finger über Unterzuckerungen bis zum Krampfanfall. „Seit ich 2005 in Gelting anfing, habe ich allerdings auch mehrmals Patienten bei einem Rettungseinsatz reanimieren müssen – leider nicht immer mit Erfolg“, berichtet Weiß. Harmlosere Begebenheiten gibt es natürlich auch. Vor ein paar Jahren verbrachte der Landarzt wegen eines Notfalls die halbe Nacht auf einem russischen Frachter. „Als ich von Bord ging, steckte mir der Kapitän noch eine Flasche Wodka als Dankeschön zu. Echter russischer, dachte ich. Es war am Ende aber ein deutsches Importprodukt, das man in jedem Supermarkt bekommt“. Bei der heutigen Übungsfahrt ist mit solchen Ereignissen nicht zu rechnen. Auf dem Programm stehen die Überprüfung des bordeigenen Rettungsgeräts und der Notfallmedikamente. Es heißt „Leinen los“ und die NIS RANDERS läuft bei strahlendem Sonnenschein aus dem Hafen aus.

Spannendes Landarztleben

Für Nadine Pohlmann ist die „Kreuzfahrt“ das Highlight von vier spannenden Famulatur-Wochen. Für die Medizinstudentin war es die richtige Entscheidung, den Hamburger Großstadttrubel einmal ganz hinter sich zu lassen und ihr Hausarztpraktikum im ländlich geprägten Angeln zu absolvieren. „Da ich selbst auf dem Land – in Hartenholm im Kreis Segeberg – groß geworden bin, wollte ich sehr gern zur Famulatur aufs Dorf. Dass ich dann die Gemeinschaftspraxis Gelting in der Praxisbörse der KVSH gefunden habe, war mein großes Glück“, erzählt sie. Die Ärzte hätten sich sehr viel Zeit für die Betreuung genommen und die tolle Stimmung im Praxisteam habe den interessanten Arbeitsalltag abgerundet. Auch fachlich sei ihr in der Landarztpraxis einiges geboten worden: Von Kindervorsorgeuntersuchungen bis zum geriatrischen Patienten war alles dabei, was die Allgemeinmedizin zu bieten hat. Für die gelernte Operationstechnische Assistentin ergab es Sinn, die Famulatur ans Ende ihres Studiums zu legen. „Ich bin im zehnten Semester und habe die theoretischen Grundlagen bereits gelernt. Nun konnte ich alles in der Praxis wiederholen und vertiefen“, berichtet sie und steigt gemeinsam mit Weiß und einem Crewmitglied in die „Onkel Willi“. Das kleine Tochterboot der NIS RANDERS wird zu Wasser gelassen und dreht ein paar Runden durch die glitzernde Ostsee, bevor es „an den Haken genommen“ und zurück an Bord des Mutterschiffs gezogen wird.

Ausbildungskonzept trägt

Dr. Michael Weiß ist davon überzeugt, dass Lehrpraxen für Allgemeinmedizin mit Praxisbezug und Teamgeist punkten müssen. Die Studierenden nehmen deshalb in Gelting an den Patientengesprächen teil, werden einbezogen und – je nach Wissensstand – nach ihren eigenen Verdachtsdiagnosen und möglichen Therapieoptionen gefragt. Blutdruckmessen, Auskultation, körperliche Untersuchung, Blutentnahmen und das Anlegen von Infusionen werden im Beisein des betreuenden Arztes durchgeführt. „Da in unserer Praxis drei Hausärzte arbeiten, können Studierende flexibel zwischen den Kollegen wechseln, um möglichst viele interessante Tätigkeiten eines Hausarztes kennenzulernen“, erläutert er. Nach der Sprechstunde stehen Hausbesuche und Visiten im
Seniorenheim auf dem Programm. Das Konzept komme bei den Studierenden gut an. Ein Großteil der Praktikanten habe eine solch facettenreiche Tätigkeit nicht erwartet. „Sie können sich nach dem Praktikum oder der Famulatur nun durchaus vorstellen, im hausärztlichen Bereich zu arbeiten. Andere finden unsere Tätigkeit zwar interessant, stellen für sich aber relativ schnell fest, dass sie in diesem Bereich der Medizin nicht zu Hause sein werden“, so Weiß.

Umdenken durch Praxiserfahrung

Für den Lehrarzt liegt der hohe Wert von praktischen Erfahrungen auf der Hand. „Viele Studierende haben kein genaues Bild von der Tätigkeit eines Haus- oder Landarztes“, erläutert er. „Im Studium lernen sie hauptsächlich die verschiedenen Facharztbereiche kennen. Wie sollen sie sich da für die Tätigkeit als Allgemeinarzt interessieren? Was den Beruf des Landarztes ausmacht, lernen die Studierenden aber nur durch das eigene Erleben in einer Praxis.“ So werde aus der „Blackbox Landarzt“ eine reale Vorstellung eines ganzen Berufsfelds. Dieses besteche nicht durch schwierige Differenzialdiagnosen und millionenschwere Geräte, sondern durch die Nähe zum Menschen, deren Sorgen und Nöte und ein breites medizinisches Spektrum sowie den täglichen Kontakt zu Facharztkollegen und anderen medizinischen Institutionen, erläutert Weiß. Aus einer vagen Vorstellung vom Landarztleben könne so im Laufe eines Blockpraktikums oder einer Famulatur ein konkretes Bild entstehen. Bei Nadine Pohlmann hat das offensichtlich sehr gut funktioniert. „Ich kann mir eine spätere Tätigkeit als Allgemeinmedizinerin gut vorstellen. Am liebsten in einer Praxis an der Ostsee“, sagt sie ohne zu zögern, als die NIS RANDERS auf ihre Höchstgeschwindigkeit von 20 Knoten beschleunigt und bei voller Fahrt durch die sprühende Gischt auf die offene See hinausfährt.

Jakob Wilder, KVSH