Das ein Ort namens Hinterzarten überhaupt existiert, war uns waschechten Norddeutschen vor gut einem halben Jahr noch gar nicht richtig bewusst. Das sollte sich ändern, als in unserem Allgemeinmedizin-Seminar ein Flyer verteilt wurde: „Winterschool Allgemeinmedizin“ hieß es dort. Und weiter würde uns „… ein viertägiges Programm rund um allgemeinmedizinische Themen, das Hausarzt werden und das Hausarzt sein“ erwarten. „Mit praktischen Übungen, Workshops, Diskussionen und Vorträgen mit theoretischen und praktischen Aspekten des hausärztlichen Alltags“ wolle man sich auseinandersetzen. Und auch das „gegenseitige Kennenlernen und der kollegiale Gedankenaustausch“ würden hierbei nicht zu kurz kommen.

Hinterzarten also – nach Blick auf die Karte festgestellt – ganz am anderen Ende des Landes. Sich fernab vom Uni-Alltag einmal näher mit der Allgemeinmedizin zu beschäftigen, erschien uns aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr reizvoll. Die Internetseite der Veranstalter „Perspektive Hausarzt Baden- Württemberg“ mit einem Video des vergangenen Jahres tat ihr Übriges. So fiel es nicht schwer, die passenden Gründe für das zur Bewerbung erforderliche Motivationsschreiben zu finden.

Start der Winterschool

Am 25. Februar 2015 war es dann soweit: Die zweite Schwarzwälder Winterschool der Allgemeinmedizin sollte beginnen. Ein viertägiges Programm rund um die Allgemeinmedizin, sowie ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm im Wintersportgebiet Hinterzarten erwarteten uns. Mit der Bahn ging es vom Lübecker Hauptbahnhof einmal quer durch Deutschland – bepackt mit unserer Wintersportausrüstung. Je südlicher wir kamen, desto wärmer wurde es jedoch und unsere Vorfreude, bald wieder „echten Schnee“ zu sehen und die Wintersportausrüstung auch zu benutzen, rückte in weite Ferne.

Die letzte Etappe rauf auf 885 Meter legten wir mit der Höllentalbahn von Freiburg nach Hinterzarten zurück und nach einem längeren Tunnel fanden wir uns plötzlich in einer schneeweißen und wunderschönen Winterlandschaft wieder. Das verblüffte Gesicht norddeutscher Touristen hierüber sorgte für entsprechende Belustigung der Einheimischen. Die wenigen Meter vom Bahnhof zu unserem Hotel stapften wir zu Fuß durch den Schnee. Dort angekommen wurden wir sogleich mit einem fantastischen 3-Gänge Menü begrüßt, das wir auch an den nächsten Abenden nicht missen mussten. Bei der anschließenden Eröffnungsveranstaltung lernten wir die 22 weiteren Studierenden aus Heidelberg, Tübingen, Freiburg, Frankfurt a.M., Mainz, Mannheim, Münster, Göttingen, Düsseldorf, Gießen und Ulm sowie die Organisatoren der „Perspektive Hausarzt Baden-Württemberg“ und die Zuständigen des Lehrbereichs Allgemeinmedizin der Uni Freiburg kennen.

Auch hierbei stellten wir fest, dass es ganz unterschiedliche Motivationen zur Teilnahme und entsprechende Fragen zu verschiedenen Themen gab: Studierende, die ihr Studium bereits abgeschlossen hatten oder kurz vor dem Examen standen, waren an der Verwirklichung einer eigenen Praxis in rechtlicher und auch finanzieller Hinsicht interessiert. Auch das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie war für viele ein wichtiger Aspekt. So stellt die Tätigkeit als selbstständiger Arzt oder Ärztin sowie eine gleichzeitige Familienplanung leider immer noch häufig eine zu große Herausforderung dar.

Wir wollten klären, was Vorteile und was Nachteile einer Praxis auf dem Lande gegenüber einer Tätigkeit in der Stadt sind, wie der Alltag in der allgemeinmedizinischen Praxis aussieht und letzten Endes, warum genau dies der richtige Beruf für uns sein könnte. Alles Fragen, die wir in lockerer Atmosphäre beantworten haben wollten, wozu wir allerlei Gelegenheit bekamen.

Praktische Bezüge

Am nächsten Tag stellten uns Hausärzte aus der Umgebung ihren Praxisalltag und ihre verschiedenen Praxiskonzepte vor. Es wurde Wert darauf gelegt, uns zu zeigen, dass auch ein Leben neben dem Beruf möglich und gleichermaßen wichtig sei. So bekamen wir Einblicke in politisches Engagement, das Leben in Großfamilien, der Imkerei und andere Arten von Freizeitgestaltung. Es gab genügend Zeit, hier schon die ersten Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Im Anschluss fand ein Quiz zum Thema Blickdiagnostik statt, bei dem wir einige wichtige und interessante Krankheitsbilder der Allgemeinmedizin kennenlernten.

Nach einer kleinen Mittagsstärkung beschäftigten wir uns in Kleingruppen mit dem Thema „Medizin am Lebensende“ und der besonderen Rolle des Hausarztes, einen langjährigen Patienten und dessen Angehörige auch in dieser Lebensphase zu begleiten. Im Anschluss gab es dann eine Einheit zur „Gesprächsführung“, in der wir sowohl theoretisch als auch praktisch wichtige Aspekte kennenlernten und anschließend auch selbst praktisch übten. Auch wenn es zu solchen Rollenspielen ganz unterschiedliche Auffassungen gibt, ist gerade die Gesprächsführung etwas, das man sicherlich nicht oft genug üben kann. Um sich am Abend weiter kennenzulernen, und um die Möglichkeit zu haben mit den Dozenten auch einmal ganz privat ins Gespräch zu kommen, unternahmen wir eine Fackelwanderung unter Leitung eines ortsansässigen Hausarztes, die zum krönenden Abschluss mit einem Panoramablick über das nächtlich erleuchtete Hinterzarten endete.

Da am nächsten Vormittag der Ski-Lift in Hinterzarten leider geschlossen war, entschieden wir uns spontan für eine Langlauftour. Eine Ärztin des Lehrbereichs Allgemeinmedizin der Universität Freiburg gab uns Anfängern dankenswerterweise eine Einführung und nach anfänglich noch sehr unkoordinierten Versuchen fanden wir recht schnell Spaß an dem neuen Sport und konnten so die winterliche Landschaft links und rechts der Loipe genießen. Auch hier gab es genügend Zeit für persönliche Gespräche. Beispielsweise erklärte uns die junge Ärztin, wie sie den Berufseinstieg trotz Schwangerschaft gemeistert hatte. Nach einer dann doch sehr nötigen Mittagsstärkung wurden die Themen „Chronische Krankheiten“ und „Akute Beratungsanlässe“ erneut in Kleingruppen behandelt. Dabei hatten wir die Möglichkeit, selbst Beratungs- und Therapiekonzepte zu entwickeln, uns gegenseitig zu untersuchen und anschließend die entsprechende Patientenvorstellung beim Oberarzt zu üben. Den Abend ließen wir in der hoteleigenen Sauna, im „Dorfpub“ oder bei einer Kneipentour durch Freiburg ausklingen. So hatte man die Möglichkeit, sich auch fernab der medizinischen Themen etwas besser kennenzulernen.

Der letzte Tag stand ganz im Sinne der praktischen Untersuchung. Im Skills Lab der Universität Freiburg lernten und übten wir gynäkologische Untersuchungstechniken, das Auswerten von EKG, zu sonografieren und i.m.-Injektionen. Dieser Teil gefiel den meisten Teilnehmern besonders gut, da praktische Aspekte häufig im Studium noch etwas zu kurz kommen und man so endlich mal „selbst etwas machen“ konnte. Im Anschluss hatten wir noch einmal die Möglichkeit, in einer Podiumsdiskussion mit Hausärzten verschiedenen Alters sowie Vertreter von Krankenkasse und KV, alle Fragen zu stellen und zu diskutieren, die noch offen geblieben waren. Am Abend trat nach einem erneuten hervorragenden gemeinsamen Essen eine Improvisationstheater-Gruppe auf und bildete so den krönenden Abschluss einer rundum gelungenen Winterschool.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die von der „Perspektive Hausarzt Baden-Würtemberg“ ins Leben gerufene Winterschool eine großartige Möglichkeit für Studierende ist, sich einmal näher mit der Allgemeinmedizin zu beschäftigen. Dies ist insbesondere unter dem Gesichtspunkt, dass die Allgemeinmedizin in der universitären Lehre noch häufig zu kurz kommt, ein sehr wichtiger Aspekt. So bot die Winterschool sowohl ein breites Angebot an Basiswissen, als auch die Chance, ganz individuelle Fragen zu klären. Auch der sportliche, kulinarische und gesellige Ausgleich kamen hierbei nicht zu kurz. Zudem bestand die Möglichkeit, andere Studierende aus ganz Deutschland kennenzulernen und sich auszutauschen. Die freundliche und umgängliche Atmosphäre in der gesamten Gruppe trug sicherlich dazu bei, dass ein jeder und eine jede genau das für sich persönlich mitnehmen konnte, was sie oder er sich erhofft hatte.

Eva Clausen und Andrea Zegelin, Medizinstudentinnen aus Lübeck (aus Nordlicht 5/2015)