Nordlicht: Herr Godt, die jüngste Existenzgründeranalyse der apoBank hat ergeben, dass die Niederlassung sehr attraktiv ist. Gerade jüngere Ärzte lassen sich wieder häufiger in ländlichen Regionen nieder. Wie sieht die Entwicklung in Schleswig-Holstein aus?

Dietmar Godt: Prinzipiell lassen sich in Schleswig-Holstein die meisten Ärzte in Klein- und Mittelstädten nieder. Die Wahl des bevorzugten Standorts unterscheidet sich dabei stark zwischen einzelnen Fachrichtungen. Insbesondere Hausärzte wählen auch häufig ländliche Gegenden. Fachärzte lassen sich mehrheitlich in Städten nieder, da sie in dünn besiedelten Regionen oftmals ihre Praxen nicht auslasten können. Hier unterscheidet sich Schleswig-Holstein nicht von anderen Bundesländern.

Nordlicht: Jüngere Ärzte schrecken oft wegen angeblich zu hoher Kosten vor einer Niederlassung zurück und lassen sich zunächst erst einmal anstellen. Ist diese Sorge begründet?

Godt: Eine gute Vorbereitung ist der Schlüssel zum erfolgreichen Schritt in die Selbstständigkeit. Dabei ist die finanzielle und wirtschaftliche Planung ein zentraler, aber auch komplexer Bestandteil. Die scheinbar hohen Kosten einer Existenzgründung relativieren sich, wenn man das Gesamtbild betrachtet. Im Rahmen einer Investitions- und Kostenanalyse ist es uns zum Beispiel möglich, auszurechnen, welche Gesamteinnahmen erforderlich sind, um die Vorstellungen des (Zahn-)Arztes hinsichtlich Praxisinvestitionen und privater Lebenshaltung realisieren zu können. Als erstes muss die Kostenstruktur der Praxis erarbeitet werden. Es empfiehlt sich daher, betriebswirtschaftliche und finanzielle Fragen rund um die Existenzgründung
sorgfältig zu beantworten:
Welche Investitionen sind geplant?
Welche laufenden Praxiskosten in Form von Miete, Personal etc.
fallen an?
Welche privaten Ausgaben sind zu berücksichtigen?
Auf dieser Basis lässt sich dann ermitteln, wie hoch die Einnahmen aus dem Praxisbetrieb sein müssen, damit sich die Praxis wirtschaftlich trägt.
Prinzipiell gilt: Ein individuelles und realistisch kalkuliertes Finanzierungskonzept ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Existenzgründer ihr Investitionsvorhaben erfolgreich stemmen können. Unsere Auswertungen zeigen: Von 1.000 apo- Bank-Existenzgründungsfinanzierungen
können 998 problemlos bedient werden.

Nordlicht: Immer mehr ältere Ärzte organisieren die Abgabe ihrer Praxis langfristig. Sie lassen sich vom künftigen Praxisinhaber anstellen oder arbeiten nur noch auf einem halben Arztsitz. Was sollten sie bei einem „Ausstieg auf Raten“ in finanzieller Hinsicht beachten?

Godt: Sowohl bei einer Anstellung als auch bei der Reduktion des Versorgungsauftrags sollte man prüfen, wie sich die freie Liquidität entwickelt, und ob dieses Vorhaben finanziell machbar und sinnvoll ist. Ein Angestelltenverhältnis bedeutet allerdings für den bisherigen Praxischef eine völlig neue Situation: Er muss nun gegebenenfalls Weisungen des neuen Praxisinhabers entgegennehmen. Für einen Arzt, der den Großteil seiner Berufstätigkeit selbstständig war, bedeutet das eine Umstellung. Bei der Entscheidung, nur einen halben Arztsitz abzugeben, sind steuerliche Aspekte zu beachten, denn der Veräußerungsgewinn muss versteuert werden. Es gibt zwar die Möglichkeit, bei Betriebsaufgabe Steuerbegünstigungen – wie die 1/5-Methode oder der ermäßigte Steuersatz – in Anspruch zu nehmen, doch dies ist in diesem Zusammenhang nur ein einziges Mal möglich, und nur dann, wenn der Arzt die Praxistätigkeit am bisherigen Ort ganz aufgibt. In jedem Fall sollte hier ein fachkundiger Steuerberater hinzugezogen werden.

Das Interview führte Jakob Wilder, KVSH