»Ich bin nicht dort, wo es sich lohnt. Sondern da, wo man mich braucht«, bekennt sie auf ihrem Motiv, »Meine Patienten werden vom Chef behandelt. Und zwar alle«, heißt es bei Wolfgang Grashorn. Was das bedeutet, erklären sie im Doppelinterview.

Dr. Elvira Buckard arbeitet sie als Fachärztin für psychosomatische Medizin in Bad Segeberg. In 18 Jahren in der Niederlassung hat sie viele Patienten medizinisch und therapeutisch betreut – so wie Wolfgang Grashorn, der seit Jahren als Anästhesist im Landkreis Oldenburg in Niedersachsen praktiziert.

Frau Dr. Buckard, auf Ihrem Plakat, das zurzeit im ganzen Bundesgebiet zu sehen ist, heißt es: »Ich bin da, wo ich gebraucht werde. Und nicht dort, wo es sich lohnt.« Was heißt das für Sie?

Dr. Buckard: Ich bin Ärztin geworden, weil ich mich sozial engagieren wollte. Ich habe eine naturwissenschaftliche Neigung, als Psychotherapeutin bin ich aber auch sehr empathisch und muss mich auf Menschen einstellen können. Das Lohende für mich ist, dass ich meine Arbeit tun kann, und merke, dass es anderen dadurch besser geht, meine Arbeit hilfreich ist – dass meine Patienten also ein zufriedeneres, glücklicheres Leben ohne Krankheit führen können. Außerdem nehmen psychische Erkrankungen zu. Das heißt, ich werde jetzt sogar ganz besonders gebraucht. Wenn ich nach dem Wochenende meinen Anrufbeantworter abhöre, merke ich immer wieder, wie viele Menschen sich meine Hilfe wünschen. Das ist, wie ich mich als Ärztin sehe: Dort wo ich bin, werde ich gebraucht.

Herr Grashorn, Sie bekennen auf Ihrem Plakatmotiv »Meine Patienten werden vom Chef behandelt. Und zwar alle«. Wie ist das denn zu verstehen?

Grashorn: Für mich ist das eine Verpflichtung und auch mein Anspruch: Als niedergelassener Arzt erbringe ich alle Leistungen selbst. Ich kenne und behandle jeden Patienten persönlich. So führen wie vor der Narkose immer ein Einzelgespräch – das kann und das will ich nicht delegieren. Im Krankenhaus hingegen sieht der Patient nicht nur viel mehr Pflegepersonal, sondern auch mehr Ärzte. Das ist also ein deutlicher Unterschied im Bereich ambulanter Operationen, und ich glaube, diese persönliche Beziehung ist auch der Grund, warum die Patienten gern in die Praxis kommen. Ein Beispiel: Wenn ein Patient operiert wird, kennzeichnen wir etwa, um welches Bein es bei dem Eingriff geht. Wir in der Niederlassung machen das selbst. Im Krankenhaus kommt der Operateur oft erst zum vorbereiteten, abgeklebten Patienten, und weiß gar nicht, wer da liegt. Außerdem ist der Facharztstaus ja Voraussetzung für die Niederlassung, wir Ärzte haben also mindestens fünf Jahre Weiterbildung hinter uns, viele haben acht bis zehn Jahre Krankenhaus »auf dem Buckel«. Die Patienten haben es also immer mit erfahrenen Ärzten zu tun.

Welchen Vorteil hat die wohnortnahe Versorgung aus Ihrer Sicht?

Dr. Buckard: Die Wohnortnähe ist in meinem Fachgebiet besonders wichtig, weil meine Patienten sehr regelmäßig zu mir kommen. Termine finden meist einmal wöchentlich statt, und bei weitem nicht alle Patienten sind krankgeschrieben. Das heißt, sie müssen die Sitzung auch einplanen – das geht besser, wenn die Wege kurz sind. Ein zweiter Vorteil: Ich kenne durch die Wohnortnähe das Lebensumfeld meiner Patienten. Man findet dann bessere Anknüpfungspunkte; und natürlich fühlt sich mein Gegenüber gut bei mir aufgehoben, wenn ich weiß, wovon er redet. Das soll aber nicht heißen, dass man in der Psychotherapie alles aus eigener Erfahrung kennen muss – ich habe ja nicht jeden Zustand meiner Patienten selbst erlebt.

Grashorn: Wir haben uns zu viert als Anästhesisten zu einer überörtlichen Gemeinschaftspraxis zusammengeschlossen und sind dadurch an verschiedenen Standorten hier im Landkreis vertreten. Wir unterstützen die Operateure, die in der Fläche niedergelassen tätig sind. Damit sind wir quasi ein Vorbild für die wohnortnahe Versorgung. Die Patienten haben so kürzere Wege – weite Anfahrten sind für viele ja oft schwierig. Wir sind also einfach nah dran. Ich finde, das ist ein Riesenvorteil.

Frau Dr. Buckard, was bringt diese Nähe für Ihre Patienten?

Dr. Buckard: Wenn man das Umfeld seiner Patienten kennt, kann das hilfreich sein: Wenn man etwa, um ein Beispiel zu nennen, bei einem Landwirt etwas über das Leben auf den Höfen hier weiß. Es wäre für diesen Landwirt ein großer Unterschied, wenn er nach Hamburg in die Klinik müsste. Außerdem ist die ambulante Versorgung deutlich persönlicher. In einer großen Klinik habe ich als Patient etwa fünf Ärzte, die mich behandeln – hier in der Praxis ist es meine Ärztin oder mein Arzt, die mich kennen und wissen, was mit mir los ist. Vertrauen und Bindung, das muss man zusammen sehen: Die vertrauensvolle Beziehung ist ein wichtiger Wirkfaktor von Psychotherapie.

Was bedeutet das?

Dr. Buckard: Wirkfaktor heißt hier: Die vertrauensvolle therapeutische Beziehung ist eine Grundlage, damit alles andere in der Psychotherapie wirken kann. Es gibt auch die Lehrmeinung, dass die therapeutische Beziehung ein Faktor ist, der Prognosen darüber zulässt, ob eine Therapie überhaupt erfolgreich ist – stärker noch als die Frage, welche Art Psychotherapie jemand macht.

Herr Grashorn, wie ist das bei Ihnen?

Grashorn: Vertrauensvoll muss die Arzt-Patienten-Beziehung immer sein, das gilt auch bei uns Anästhesisten. Ich habe ja oft nur ein kurzes Zeitfenster von ein paar Minuten, um eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Kurz vor der Narkose, die bei vielen angstbesetzt ist, höre ich oft den Satz: »Ich vertraue Ihnen.« Ich antworte: »Das geht auch nur mit Vertrauen.« Ich beobachte dann häufig, dass sich Patienten auch leichter fallen lassen können.

Frau Dr. Buckard, welche Rolle spielt in Ihrer Praxis diese vertrauensvolle Patientenbeziehung, welche die Wissenschaft?

Dr. Buckard: Wissenschaft – das bedeutet für mich, dass ich gelernt habe, meine Methoden anzuwenden. Die sind mein Werkzeug, und hier bilde ich mich unabhängig von der Fortbildungspflicht regelmäßig weiter, weil es immer wieder Neues gibt. Die vertrauensvolle Beziehung aber ist ein wichtiges Basic, ohne das es in meiner Fachrichtung gar nicht geht. Ein Stichwort ist hier die sogenannte »Compliance«: Das ist die Verlässlichkeit, dass das, was Arzt und Patient als Therapieplan besprechen, eingehalten wird, hauptsächlich geht es um die Einnahme von Medikamenten. Bei Psychopharmaka ist das besonders sensibel. Da haben viele Patienten ein »Halt! Stopp!« vor Augen.

Wie schaffen Sie hier Vertrauen?

Dr. Buckard: Es kommt darauf an, sich Zeit zu nehmen und die Dinge zu erklären, damit die Menschen verstehen: Was machen die Medikamente? Warum wirken die? Wenn später Nebenwirkungen auftreten, halten die meisten trotzdem durch, bis die Wirkung des Medikaments eintritt, statt es nicht mehr zuverlässig einzunehmen. Ich sage immer zu meinen Patienten: »Wir beide sind ein Team. Ich gehe nicht voran, sondern stehe eher ein wenig hinter Ihnen – denn es geht um Ihre Ziele und Ihre Motivation.« Meine Patienten vertrauen mir, ich vertraue meinen Patienten – und deswegen habe ich niemanden, der seine Medikamente nicht nimmt oder die Therapie abbricht, ohne das vorher zu besprechen.

Herr Grashorn, wie finden Sie die richtigen Worte im Patientengespräch?

Grashorn: Am Anfang meiner Berufstätigkeit habe ich in der Onkologie gearbeitet, also mit Patienten, die an Krebs erkrankt sind. Da musste ich schnell eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen und habe die Gesprächsführung gelernt und geübt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Und warum lohnt sich für Sie Ihr Beruf?

Grashorn: Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass die sozialen Benefits, wie man sagen könnte, hoch sind. Ich bin Arzt geworden, weil schon mein Urgroßvater Arzt war, auch meine Tochter ist Ärztin: Es ist einfach ein wunderschöner Beruf. Gerade in meinem Fach, der Anästhesie, sieht man sehr schnell die Ergebnisse. Der Begriff ist zwar eher technisch, aber diese »Rückkopplung« bedeutet mir viel. Und in der Niederlassung sind wir besonders nah am Patienten. Deren Dankbarkeit, ob bei einer Narkose oder der Chemotherapie, ist sehr tief.

Quelle: www.ihre-aerzte.de