Die Kieler Medizinstudentin und ehemalige Deutschlandstipendiatin berichtet über ihre Erfahrungen zwischen Fußpilz und anaphylaktischem Schock.

Noch einmal 16 Wochen in einer Hausarztpraxis, wo man doch schon die vier Wochen Pflicht-Famulatur und das Blockpraktikum hinter sich gebracht hat – viele Studierende legen diese Option für das Wahltertial des Praktischen Jahrs wahrscheinlich schnell ad acta. Den ganzen Tag mit Patienten reden, bei jedem zweiten Blutdruck messen, DMP’s, GU’s und Impfungen durchführen und einen Haufen Rezepte und Überweisungen ausstellen? Doch genau dafür habe ich mich entschieden und könnte glücklicher kaum sein. Weil ich mir nichts Befriedigenderes vorstellen kann, als wenn die Patienten danach mit einem Lächeln das Sprechzimmer verlassen. Wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, ohne dass der Patient im Krankenbett auf den “Halbgott in weiß“ wartet. Und wenn man die Patienten immer wieder sieht und um Rat gefragt wird, also eine persönliche Begleitung möglich ist. Man praktiziert „echte“ Medizin und sieht dementsprechend zwar alltägliche Leiden, aber dafür ein vielseitiges Erkrankungsspektrum von der Schnittwunde bis zur exazerbierten COPD, vom Tennisarm bis zur akuten Appendizitis, vom Fußpilz bis zum Herzinfarkt.

Besonders wichtig ist mir als Studentin auch das angenehme Arbeitsklima ohne strenge hierarchische Strukturen. Ich werde ernst genommen, kann immer nachfragen, werde nach meinen eigenen Eindrücken gefragt und kann meine Ausbildungswünsche einbringen. In meiner PJ-Praxis, der Familienpraxis Lütjenburg, fühle ich mich inzwischen so wohl, dass ich gar nicht mehr weg möchte. Die beiden Allgemeinmediziner Dr. Nicholas Kamerichs und Dr. Steffen Braun, der auch Pädiater ist, und der neue Weiterbildungsassistent Jochen Härter mit bereits abgeschlossenem Facharzt für Chirurgie sind meine ärztlichen Ansprechpartner. Dazu kommen sechs Arzthelferinnen und eine Auszubildende. Abgesehen von der reinen Sprechstunde fahre ich zu Hausbesuchen mit, mache hin und wieder Nacht- und Wochenenddienste mit und nehme auch mal am Qualitätszirkel teil. Außerdem geht’s regelmäßig zum PJ-Unterricht nach Kiel, wo in kleiner Runde und anhand mitgebrachter Fälle theoretische Inhalte der Allgemeinmedizin besprochen werden.

Ich wohne in einer Ferienwohnung drei Kilometer außerhalb von Lütjenburg und fahre entweder mit dem Fahrrad oder werde vom Arzt mit dem Auto mitgenommen. Ich habe ganz bewusst eine Kleinstadt gewählt: Sowohl in das Hausarzt-Dasein in der Stadt als auch auf dem platten Land habe ich schon Einblick bekommen und wollte nun etwas „dazwischen“, wo man einerseits vor Ort alles hat zum Leben und sich doch gleichzeitig kennt. Zudem ist der kurze Weg zum Strand am Wochenende natürlich ziemlich attraktiv. Ansonsten ist hier für junge Leute allerdings nicht allzu viel los. Aber da ich selbst auf dem Land aufgewachsen bin, kenne ich das von früher und freue mich stattdessen über die hübschen Kühe auf meiner täglichen Strecke zur Praxis und den Blick bis zur Ostsee.

Ich danke der KVSH und der Ärztekammer für die finanzielle Unterstützung – und ich danke vor allem „meinen“ Ärzten in Lütjenburg! In meinem Wunsch, Hausärztin auf dem Land zu werden, fühle ich mich bestärkt. Aber auch unabhängig vom späteren Berufswunsch kann ich ein solches PJ-Tertial in der Allgemeinmedizin nur empfehlen!!

Vor allem in Erinnerung bleiben werden mir zwei ganz unterschiedliche Fälle, die ich in der Praxis erlebt habe:

Der eine war ein Notfall – und dann gleich ein anaphylaktischer Schock! Ein junger Mann mit bekannter Bienen- und Wespenallergie war von einer Hornisse gestochen worden und daraufhin kollabiert. Sein Vater kam hilfesuchend in die Praxis gelaufen und wir brachten den kaum ansprechbaren Patienten in das vorbereitete Behandlungszimmer. So eine Notfallsituation hatte ich noch nicht erlebt und war deshalb froh, dass mein Lehrarzt mir sagte, was zu tun war. Ich maß Blutdruck und Puls, er legte währenddessen einen großvolumigen Zugang und die Sprechstundenhilfe hing die Infusion an. Dann bekam der Patient zügig Kortison, ein Antihistaminikum und sogar Adrenalin. Ich lernte, dass das für den Patienten ein sehr unangenehmes Gefühl sei und man deshalb eine möglichst ruhige Atmosphäre schaffen solle. Derweil übernahm ich die Druckinfusion und nach kurzer Zeit stabilisierten sich die Vitalparameter und der Rettungswagen kam. Das EKG war in Ordnung; der Patient war zwar noch sehr erschöpft, aber ansprechbar. Nachdem er abtransportiert worden war, ging die Sprechstunde ganz normal mit dem nächsten Fußpilz weiter. Ich jedoch war gedanklich noch ganz bei dem anaphylaktischen Schock; immer wieder ging ich im Kopf den Ablauf und die Dosierung der Medikamente durch. Später sprach ich auch mit meinem Lehrarzt den Fall noch einmal durch und war beruhigt, als er mir sagte, er brauche auch eine gewisse Zeit, bis er nach so einem Notfall wieder zur Ruhe komme. Das war schon sehr aufregend!

Der zweite Fall war ein älterer Patient, der nach neu diagnostiziertem Bluthochdruck beim Kardiologen gewesen war und nun zur Befundbesprechung und weiteren Therapieplanung in die Praxis kam. Kardiologisch war soweit alles unauffällig gewesen, und der Blutdruck war gut eingestellt. Da fragte mich der Patient, ob es gut wäre, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich war perplex – kommt doch selten vom Patienten selbst der Anstoß zum Rauchstopp. Ich erklärte ihm sein kardiovaskuläres Risiko und den positiven Effekt des Nikotinverzichts. Als ich auf die Schwierigkeit der Rauchentwöhnung und die hohe Rückfallquote zu sprechen kam, meinte er ganz entspannt, dass das für ihn kein Problem sei; wenn es seiner Gesundheit zu Gute käme, würde er das schon hinkriegen. Wir besprachen noch Situationen, in denen die Versuchung besonders groß ist, sowie mögliche Alternativen zum Griff zur Zigarette, und ich bot ihm an, dass er jederzeit wiederkommen könne, wenn er Unterstützung bräuchte.
Am Ende des Gesprächs fragte mich der Patient, für wie lange ich noch hier in der Praxis sei. Er fragte das nicht, wie die meisten sonst, im Smalltalk-Tonfall, wie Ältere mit jungen Studentinnen eben so plaudern, sondern ganz ernsthaft, voller Vertrauen und Hoffnung, dass ich noch einige Zeit da bin. Dies war ein so schönes Gefühl, dass ich noch tagelang davon erfüllt war. Wochen später kam er tatsächlich wieder in die Sprechstunde zu mir: Er habe sich immer daran erinnert, er hätte doch Frau Reimer gesagt, dass er das hinkriegen würde, und sich vorgenommen, mir unbedingt, bevor ich wieder weg sei, von seinem Erfolg zu berichten. Und da war er nun, strahlte und erzählte mir stolz, dass er tatsächlich aufgehört hatte zu rauchen und das auch weiter aufrecht erhalten wolle. Ich glaube, ich war genauso stolz wie er.

Aus: Nordlicht 10/2017