Auf dem Land stehen die Menschen früh auf. Das ist auch in Dithmarschen so. Die ersten Patienten kommen an diesem, für die Jahreszeit unerwartet sonnigen Märztag, schon um halb sieben in die Hausarztpraxis von Dr. Wiebke Junge und Dr. Johann Kielholz in Wöhrden. Eine Stunde später herrscht in allen Behandlungszimmern Hochbetrieb. Die Straße, die am Dorfrand gelegen, zur Praxis führt, ist schnell komplett dichtgeparkt und ein frei werdender Stellplatz wird sofort neu besetzt. Das Wohnhaus von Dr. Kielholz liegt direkt neben dem Praxisgebäude. Von dort hat man einen Blick in die weite Natur der Marschlandschaft Richtung Nordsee, der auf dieser Seite des Dorfes von einigen Windkraftanlagen geprägt wird. Drinnen läuft der Praxisbetrieb wie am Schnürchen.

Die Helferinnen kennen fast jeden Patienten persönlich. Ein freundliches „Moin“ ist die Regel. „Die Patienten erwarten einfach, dass wir früh aufmachen und das muss auch so sein, denn wir haben gut zu tun. Wir sind mit circa 3.800 Patienten im Quartal eine große Versorgerpraxis und haben in der ländlich geprägten Region ein entsprechend großes Einzugsgebiet“, erklärt Dr. Johann Kielholz, der seit dreißig Jahren in seinem Heimatdorf Wöhrden als Landarzt arbeitet. Seine Praxispartnerin Dr. Wiebke Junge ist dort seit 25 Jahren tätig. Mit Nana Thorsen-Höllmer und Daniel Weiss arbeiten zwei weitere Allgemeinmediziner im Praxisteam, beide im Angestelltenverhältnis. Als Weiterbildungspraxis sind in den letzten Jahren mehrere Assistenten erfolgreich zum Facharzt für Allgemeinmedizin ausgebildet worden. Zurzeit verstärken zwei Weiterbildungsassistentinnen das Praxisteam. Außerdem gehört noch eine hausärztliche Zweigpraxis im Nachbarort Neuenkirchen dazu, in der der bisherige Praxisbesitzer Dr. Kuno Veit noch tatkräftig mit unterstützt.

Von Kiel nach Wöhrden

Neu im Team dabei ist Famulantin Rahel Reimer. Die Medizinstudentin aus Kiel wollte die ersten vier Wochen ihrer Famulatur, die insgesamt vier Monate umfassen muss, unbedingt in einer Landarztpraxis absolvieren. Diese Entscheidung hatte sie sich vorher gut überlegt. Beim Blick auf die Liste der infrage kommenden Lehrpraxen auf der Homepage der KVSH kam sofort der Kreis Dithmarschen in ihre engere Auswahl. „Wenn schon aufs Land, dann richtig“, dachte sie sich. Danach lief der Kontakt schnell Richtung Praxis Kielholz/Junge. Ein Anruf von ihr in der Praxis genügte und sie konnte anfangen. „Das Team um Dr. Kielholz ist auf Famulanten und Weiterbildungsassistenten eingestellt. Ich bekam sofort eine Zusage und eine Ferienwohnung im Ort als Übernachtungsmöglichkeit. Sie liegt sehr malerisch im historischen Ortskern direkt bei der Dorfkirche. Das war schon toll, wie unkompliziert alles funktioniert hat“, erklärt Frau Reimer.

Studentische Finanzen

Die Studentin kann ihre Zeit in Dithmarschen finanziell gut bewältigen. Die Hälfte der Kosten für die vierwöchige Unterkunft in der Ferienwohnung übernimmt Dr. Kielholz. Dazu kommen 200 Euro „Famulaturzuschuss“ von der KVSH und weitere 110 Euro von der Ärztekammer. Die KVSH unterstützt Frau Reimer außerdem seit zwei Jahren im Rahmen des Deutschlandstipendienprogramms, das ihr weitere 300 Euro im Monat einbringt. „Das hilft mir alles weiter. Ich komme jetzt ins sechste Semester und will möglichst viele praktische Erfahrungen im Umgang mit verschiedenen Krankheitsbildern sammeln und den richtigen Umgang mit den Patienten lernen. Vier Wochen am Stück in einer großen Versorgerpraxis auf dem Land sind genau das Richtige“, findet Frau
Reimer.

Sie stammt aus Kirchbarkau im Kreis Plön und charakterisiert sich selbst als Menschen, dem das Landleben prinzipiell gut gefällt: „Wenn die Rahmenbedingungen wie Arbeitsumfeld und Infrastruktur stimmen, kann auch das Landleben cool sein“. Mit dem Plattdeutsch, das viele Patienten sprechen, tue ich mich zwar noch schwer, aber im Notfall könnte Dr. Kielholz alles problemlos für mich übersetzen“, erzählt sie.

Vorteil Landarztpraxis

Für ihre Entscheidung, nach Dithmarschen zu gehen, erntete sie bei ihren Kommilitonen aber auch einige ungläubige Blicke. Die Arbeit in einer Landarztpraxis sei genau wie eine Niederlassung auf dem Land bei vielen Medizinstudenten nicht gerade angesagt, vermutet sie. „Das hat mich aber nicht weiter gestört, denn ich hatte gute Gründe, in eine Landarztpraxis zu gehen. Als praktischen Einstieg in den Arztberuf wollte ich eben keine hochspezialisierte Krankenhausstation, sondern lieber eine größere und gut ausgestattete Hausarztpraxis, in der ich die Grundlagen ärztlicher Arbeit lernen kann“, erklärt die Famulantin.

Der persönliche Kontakt zu den Patienten war für sie dabei ein wichtiges Kriterium. „In einer Hausarztpraxis auf dem Land erlebe ich die Patienten sehr intensiv und bekomme auch viel von ihrem Lebensumfeld mit. Am Krankenhaus könnte ich die Patienten nur sehr kurz sehen und nicht viel über sie erfahren“, erklärt Frau Reimer, die außerdem unbedingt in eine Gemeinschaftspraxis wollte. Diese Praxisform war besonders attraktiv für sie. „Größeren kooperativen Niederlassungsformen gehört auf dem Land die Zukunft, denn in ein paar Jahren wird es bestimmt nicht in jedem kleinen Ort noch eine klassische Einzelpraxis geben“, ist sie sich sicher.

Gutes Arbeiten im Praxisteam

Die praktischen Erfahrungen, die sie in Wöhrden macht, überzeugen sie am meisten. „Jeder Tag ist neu und anders spannend. Ich kann allen sechs Ärzten über die Schulter schauen, bin immer mit dabei und habe auch schon einige Untersuchungen selbst vornehmen dürfen. Ich höre die Patienten mit ab oder schaue auch mal in Rachen und Ohren. Immer wenn etwas für eine Allgemeinarztpraxis besonders Spannendes passiert, wie etwa eine Ultraschalluntersuchung oder eine Doppler-Sono, werde ich extra dazu geholt“, berichtet sie. Auch bei Hausbesuchen und Besuchen im Alten- und Pflegeheim war sie mit dabei. „Langeweile kommt dort nie auf und ich habe meiner Kommilitonin am Telefon abends immer jede Menge zu erzählen, was ich so alles erlebt habe. Ich kann mir jetzt noch eher als vor der Famulatur vorstellen, späterals Landärztin zu arbeiten.“

Beitrag von Jakob Wilder, KVSH, aus Nordlicht 4/2014