Frank Hennig: Arzt sein, wo andere Urlaub machen

Wenn im Sommer viele Urlauber zum Segeln und Campen in das Fischerdorf Maasholm kommen, ist Allgemeinmediziner Frank Hennig besonders gefordert.

Septembermorgen. Die Sonne wärmt schon nicht mehr richtig. Am Himmel ziehen die ersten dunklen Regenwolken über die Schlei hinweg. Die meisten Geschäfte und Gaststätten in Maasholm sind so früh noch geschlossen. In den kleinen Straßen und verwinkelten Gassen sind nur wenige Menschen unterwegs. Die meisten von ihnen kommen vom nahe gelegenen Wohnmobilplatz oder von ihrem Segelboot, um beim Bäcker frische Brötchen zu holen. In der 600-Einwohner-Gemeinde steht nach der Saison nun für einige Monate wieder die Zeit still. Im Sommer sieht es in Maasholm anders aus. Der Hafen, die denkmalgeschützten Anlegestellen der Schleikähne, die Petrikirche, die 1916 erbaute Seenot-Rettungsstation und die malerischen Fischerkaten locken dann viele Touristen zu einem Rundgang in den kleinen Ort. Die meisten Einheimischen leben direkt oder indirekt vom Tourismus und legen großen Wert darauf, den traditionellen Charakter ihres Dorfes zu pflegen und zu erhalten. Mit Erfolg, denn schon mehrfach erhielt die Gemeinde die Auszeichnung „Schönes Dorf Schleswig-Holsteins“. Sie gilt außerdem bei vielen Seglern als Geheimtipp. 450 Boote liegen im modernen Sportboothafen, der ein ideales Sprungbrett für einen Segeltörn in die Schlei bis Schleswig oder in die „Dänische Südsee“ ist.

Standortfaktor Arzt

Auch Frank Hennig segelt gern. Der Allgemeinmediziner kommt aber in der Regel nicht zum Freizeitvergnügen nach Maasholm. Der 57-Jährige arbeitet, wo
andere Urlaub machen. Hennig ist seit 1989 im zwölf Kilometer entfernten Kappeln niedergelassen und führt seit 2009 in Maasholm eine Zweigpraxis. Seitdem bietet er dort jeden Mittwoch und Samstag eine hausärztliche Sprechstunde an. In den Sommermonaten kommt wegen des erhöhten Patientenaufkommens
sogar noch eine dritte Sprechstunde am Montagabend hinzu. Die Initiative zur Gründung der Zweigpraxis ging Anfang 2009 von einigen Bürgermeistern der Region aus. Sie stellten angesichts des demografischen Wandels akuten Handlungsbedarf fest. Maasholm und die umliegenden Dörfer sind überaltert. Die Folge ist, dass immer mehr ältere Menschen bettlägerig und auf Hausbesuche angewiesen sind. Die nächstgelegenen Arztpraxen liegen in Gelting oder Kappeln. Sie problemlos zu erreichen, war für viele Senioren schwer bis unmöglich. Als dann noch einige Arztpraxen in der ländlichen Region ohne Nachfolger blieben und geschlossen wurden, wandten sich die Kommunalvertreter an die Landespolitik und die KVSH. Die Gemeinden waren sehr an einer dauerhaften Präsenz eines Arztes in der Region interessiert, stellt diese doch einen immer wichtigeren Teil der touristischen Infrastruktur dar. Nicht jeder erkrankte oder verunglückte Segler hat sein Auto dabei. Ältere Wohnmobiltouristen fahren ungern zum Arzt in die enge Kappelner Innenstadt.

Attraktive Zweigpraxis

Die Überlegungen der Gemeinden zur Verbesserung der ärztlichen Versorgung vor Ort passten gut zu Hennigs eigenen Planungen. Er wollte sich vergrößern und suchte schon seit längerem nach einem geeigneten Standort. Im Mai 2009 – pünktlich vor der Sommersaison – war es dann soweit. Der Zulassungsausschuss gab grünes Licht und die Zweigpraxis in Maasholm konnte ihren Betrieb aufnehmen. Die Gemeinde war bei der Suche nach einer geeigneten Immobilie behilflich. Die Praxis wurde in der gerade frei gewordenen Sparkassenfiliale in der zentral gelegenen Maasholmer Hauptstraße untergebracht. Noch heute kann die massive Hintertür nur von innen geöffnet werden. Die Patienten nahmen das neue medizinische Angebot von Anfang an sehr gut an. „Ich habe seit der Gründung regelmäßig circa 300 Patienten im Quartal. In den Sommermonaten entsprechend mehr. Der Bedarf ist also vorhanden“, so Hennig. Die Doppelbelastung und das Pendeln stören den Hausarzt in dritter Generation nicht. Ihm gefällt, dass die Wege in Maasholm kurz sind. Einige Patienten wohnen sogar in der Straße, in der auch die Zweigpraxis liegt. Viele Hausbesuche kann Hennig daher zu Fuß erledigen. Außerdem hat die Arbeit in einer Region mit saisonalem Tourismusbetrieb für ihn einen ganz besonderen Reiz. Im Sommer muss Hennig nämlich dann und wann sogar zu einem „Bootsbesuch“ Richtung Seglerhafen ausrücken. „Wenn Segler z. B. eine Gallen-Kolik oder einen Hexenschuss in der Koje bekommen und nicht selbst in die Praxis kommen können, ruft mich der Hafenmeister an und ich schaue dann selbst an Bord vorbei“, so der Allgemeinmediziner. Außerdem
muss er in der Ferienzeit häufig diverse Schnittverletzungen, Prellungen und Verstauchungen als Folge von Segelunfällen behandeln. „Da gibt es nichts, was es nicht gibt. Einmal trugen mir einige gestandene Fischer einen verunglückten Segler sogar direkt in die Praxis. Die hatten sogar noch ihr nasses Gummizeug an“, berichtet Hennig.