Dr. Nicholas Kamerichs – „Hausarzt, ja unbedingt!“

Seit nun fast neun Jahren bin ich als Hausarzt in eigener Praxis an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins niedergelassen. Gemeinsam mit meinem Partner suchen wir nun seit einem Jahr einen Weiterbildungsassistenten für unsere Praxis. In unserer Anzeige bieten wir Teil- oder Vollzeit, übertarifliche Bezahlung ohne Nacht- oder Wochenenddienste, Fahrtkostenzuschuss, sechs Wochen Jahresurlaub, zwei Wochen Fortbildungsurlaub, Hilfe bei der Wohnungssuche, einen Kita-Platz, maximalen Freizeitwert an der Ostseeküste, ein Kleinstädtchen mit kompletter Infrastruktur. Bis dato mit exakt null Resonanz! Warum ist das so?

Seit Jahren verbreiten Politik und Standesvertreter das folgende Bild: Der Landarzt, am unteren Ende der ärztlichen Einkommenstabelle, arbeitet rund um die Uhr, von Regressen und Bürokratie in der Versorgung seiner Patienten bis zur Selbstaufgabe eingeschränkt, während die Kollegen in den Kliniken lieber Dienst nach „Konzern-Leitlinien“ versehen.

Dem möchte ich einmal die Realität meines Alltages gegenüberstellen. Ich arbeite 60 bis 80 Stunden die Woche, je nach freiwilliger Notdienstbelastung und Einkommenswünschen. Viel Arbeit generiert viel Einkommen, wer kann das in seinem Job noch so von sich sagen? Ich habe ein Team um mich, das ich mir selbst zusammengestellt habe, mit dem ich in wunderbarer, oft fast freundschaftlicher Weise zusammenarbeiten darf. Ich habe ganz überwiegend Patienten, mit denen die Zusammenarbeit auf der Basis gegenseitiger Wertschätzung und Dankbarkeit stattfindet. Regresse kenne ich nur aus der Presse, bei guter Zusammenarbeit mit Kassenärztlicher Vereinigung und Krankenkassen kann ich so arbeiten, dass ich die Vorgabe der Wirtschaftlichkeit bei zugleich exzellenter Versorgung für meine Patienten Tag für Tag gewährleistet sehe. Ich mache sechs Wochen Urlaub im Jahr. Bin ich krank oder braucht mich meine Familie, bleibe ich spontan zu Hause. Ich habe 30 Jahre lang den sichersten Arbeitsplatz ohne Befristung, Umzüge etc. Ich sitze fast täglich mittags mit Frau und Kindern am Mittagstisch und zu guter Letzt: Für das von unseren Standesvertretern anvisierte Gehalt eines Klinik- Oberarztes, das ich als Landarzt haben sollte, würde ich morgens nicht aufstehen.

Fazit: Die entscheidenden Parameter meines Berufs lege ich selbst fest. Mein Einkommen ist beglückend. Mein Sozial- bzw. Familienleben ein Hauptgewinn und: Ja, ich bin Hausarzt! Warum sagt das den jungen Kollegen niemand?