Dr. Nick Merkel – Der neue Doktor im Dorf

Dr. Nick Merkel kehrte gemeinsam mit seiner Frau Katharina Krieger dem Krankenhaus den Rücken. Die beiden Ärzte ließen sich in Viöl im Kreis Nordfriesland nieder und übernahmen dort Anfang dieses Jahres die Landarztpraxis von Katharinas Vater Dr. Wolfgang Krieger. Im Nordlicht-Interview berichtet der 42-jährige Merkel über seinen spannenden Einstieg in ein neues berufliches Umfeld und die Motive der jungen Arztfamilie, sich in einer ländlichen Region Schleswig-Holsteins eine neue Existenz aufzubauen.

Nordlicht: Sie sind jetzt seit gut acht Monaten in Viöl niedergelassen: Wie sieht Ihre neue Rolle als Landarzt aus?
Dr. Nick Merkel: Ich habe mich nie in irgendwelche Rollen drängen lassen. Natürlich ist man der Doktor im Dorf und hat damit eine gewisse Verantwortung und auch einen gewissen Status. Aber der ist mir egal. Ich will hier Mensch sein, jemand, der seiner Arbeit nachgeht und das genauso gut macht wie der Schreiner oder Klempner, von dem ich das gleiche erwarte.

Nordlicht: Sie haben vorher als Oberarzt an einer Klinik in Sachsen-Anhalt gearbeitet. Was sprach dafür, die Klinik zu verlassen und sich in Schleswig-
Holstein niederzulassen?

Merkel: Es sind letztendlich zwei verschiedene Welten. Hier die Hightechmedizin, die oft non-verbale Maschinerie, das gesteuerte Funktionieren. Dort die Medizin mit Hand, Gefühl, Reden und Selbstbestimmung. Jede Welt hatte bzw. hat etwas für sich und ich möchte nichts von dem missen, was ich zuvor erlebt habe. Ich glaube, dass ich ein gutes Rüstzeug durch meine Kliniktätigkeit bekommen habe. Letztendlich waren es mehrere Faktoren, die den Schritt von der Uni aufs Land unterstützt haben. Ganz oben auf der Liste stehen die eigenständige Arbeit und die Selbstbestimmung über mein Leben in Familie und Beruf. Das ist ab einem bestimmten Alter das Wichtigste, was es gibt.

Nordlicht: Sie haben am Krankenhaus sicher nicht schlecht verdient. Lohnte sich die Niederlassung als Landarzt auch in dieser Hinsicht?
Merkel: Ganz klar: „Ja“. Natürlich hat sich die Situation an den Kliniken in den letzten Jahren durch die Einführung und Umsetzung der Ärztetarifverträge gebessert, aber der Weg zu einer Stufe der Lukrativität ist steinig und dauert mitunter Jahre. Die Erlöse in einer Landarztpraxis sind nicht die schlechtesten.

Nordlicht: Am Verdienst liegt es also nicht. Was kann getan werden, um noch mehr Ärzte aufs Land zu bekommen?
Merkel: Nachgebessert werden muss meiner Meinung nach unbedingt auf dem Weg dorthin. Natürlich gab es eine Förderung durch die Institutionen. Allerdings nicht in dem Maße, wie es eigentlich notwendig wäre, wenn man wirklich mehr Kollegen aufs Land bekommen möchte. Ich persönlich glaube nicht an den Studenten, der schon zu Studienzeiten seine Laufbahn auf eine Landarztpraxis hin ausrichtet. Das ist mit Sicherheit eine absolute Seltenheit. Vielmehr sollten erfahrene Kollegen aus den Kliniken über den sogenannten Quereinstieg in die Allgemeinmedizin ermuntert werden, den Schritt zu wagen. Allerdings tut man sich schon schwer, wenn man dann ein bis zwei Jahre mit einem Drittel des bisherigen Gehalts auskommen soll. Das war auch bei uns der Fall. Nur dadurch, dass wir familiär gut aufgefangen wurden, war es uns möglich, diese finanzielle Durststrecke zu überstehen.

Nordlicht: Was war die größte Herausforderung, die Sie in den ersten Monaten als neu Niedergelassener bewältigen mussten?
Merkel: Mit Sicherheit die Aufgaben, die eine Eigenständigkeit mit sich bringen und ich rede hier nicht vom medizinischen Aspekt. Als Angestellter, der jeden Monat seinen Lohnzettel empfängt, macht man sich keine Vorstellung darüber, wie es ist, wenn man auf einmal für alles selbstständig verantwortlich ist: Personal, Inventar, Räumlichkeiten, Miete, Verträge etc. Das hatte ich so nicht erwartet und musste im ersten Jahr sehr viel dazulernen.

Nordlicht: Ihre Frau und Sie teilen sich den Praxissitz. Wie wurden Sie von den Patienten und der Gemeinde aufgenommen?
Merkel: Wir denken und hoffen sehr gut. Natürlich war da viel Skepsis unsererseits: Wird man uns akzeptieren? Sind wir vielleicht doch noch zu jung? Was wollen die aus der Stadt hier? Aber es kam eigentlich komplett anders. Der Grundtenor war Dankbarkeit und Erleichterung, dass es „weitergeht“ mit der Praxis in Viöl. Diese mitunter herzlichen Gefühle haben uns den Start erheblich erleichtert und anfänglichen Kummer schnell
vergessen lassen.

Nordlicht: Als Kinderärzte führte ihr Weg in die Niederlassung über den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin, den die Ärztekammer seit einigen Jahren anbietet. Warum wollten Sie Hausarzt werden?
Merkel: Die Praxis war schon immer eine Praxis für Allgemeinmedizin. Aufgrund der glücklichen Situation, dass die Möglichkeit des Quereinstiegs bestand, kam ein Wechsel überhaupt erst in Frage. Den Weg über die Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner über fünf bis sechs Jahre hätten wir niemals eingeschlagen; hierfür war unser beruflicher Werdegang zu weit fortgeschritten. Die Alternative wäre eine Niederlassung für Kinderheilkunde in der Stadt gewesen.

Nordlicht: Wie haben Sie den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin erlebt und was haben Sie an neuem Fachwissen dazu gelernt?
Merkel: Als erstes muss man an dieser Stelle die Ärztekammer und die KVSH lobend erwähnen. Ab dem Moment, an dem wir echtes Interesse an einem Wechsel aufs Land gezeigt hatten, haben die Gremien alles möglich gemacht, um uns in diesem Vorhaben zu unterstützen. Das war einfach nur beispielhaft für exzellente Hilfe. Man fühlte sich von Anfang an gewollt. Natürlich gab es hier und da bürokratische Hürden und Vorschriften, aber letztendlich ist das alles vergessen und die positiven Aspekte überwiegen in der Rückschau.

Nordlicht: Wie sieht Ihr Praxiskonzept aus?
Merkel: Da meine Frau und ich von Haus aus Kinderärzte sind, lautet unser Motto „Familienmedizin“. Wir möchten für alle Menschen von der Geburt bis ins hohe Alter da sein. Und wissen Sie was? Das macht uns richtig Spaß und bringt jeden Tag eine ganze Menge an Freude.

Nordlicht: Sie und Ihre Frau haben vier Kinder. Wie bekommen Sie Familie und Beruf unter einen Hut?
Merkel: Perfekt. Unsere Arbeitsstelle liegt eine Wohnungstür entfernt von unserem Lebensmittelpunkt. Viöl bietet alles, was es für ein Familienleben braucht: Kindergarten, Schule und viele Freizeitmöglichkeiten. Natürlich bedarf es auch hier des Öfteren logistisches Know-how, um allen Beteiligten gerecht zu werden. Aber im Laufe der Zeit haben sich viele Freundschaften entwickelt. Man hilft sich gegenseitig; viel mehr als das, was wir in der Stadt erfahren durften. Schön ist auch, dass unsere älteste Tochter im letzten Jahr ihr Medizinstudium begonnen hat – vielleicht die vierte Ärztegeneration?

Nordlicht: Die Landarztpraxis in Viöl wurde mehr als dreißig Jahre von Ihrem Schwiegervater geführt. Ist er immer noch ärztlich tätig?
Merkel: Die Praxis hat eine Menge an Tradition. Im letzten Jahr konnte zur Übergabe an uns, an die dritte Generation, das 75. Jahr des Bestehens gefeiert werden. Es erfüllt einen mit Stolz, dass man so viel Geschichte fortschreiben darf. Mein Schwiegervater ist als angestellter Arzt mit eigenem Kassenarztsitz weiterhin tätig. Das ist für die Kontinuität wichtig. Auch ist er ein Wissensschatz – nicht nur im medizinischen Sinne. Die Interaktionen, das Zwischenmenschliche der vielen Familien/Patienten auf dem Land begreifen zu lernen ohne jemanden, der das Wissen teilt, würde wahrscheinlich weitere fünf Jahre dauern.

Nordlicht: Viele junge Ärzte lassen sich zum Berufseinstieg lieber erst einmal anstellen. Warum kam das für Sie beide nicht in Frage?
Merkel: Dafür haben wir beide zu lange eigenständig in Führungspositionen klinisch gearbeitet.

Nordlicht: Früher war die Notdienstbelastung ein guter Grund, sich nicht in einer dünn besiedelten Region niederzulassen. Wie sieht es damit heute aus?
Merkel: Nein, das ist kein Grund mehr. Dieser Aspekt ist durch die Notdienstregelung, wie sie seit einigen Jahren in Schleswig- Holstein umgesetzt wurde, nicht mehr anzubringen.

Nordlicht: Als Landarzt sind Sie sehr nah dran an den Menschen und Ihren Leben. Fällt Ihnen dazu ein Erlebnis oder ein medizinisch besonders interessanter Fall ein, welches Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Merkel: Dafür sind wir erst zu kurz tätig. Es sind im Moment die kleinen Geschichten und Erlebnisse, die man nach einem Dreivierteljahr endlich begreifen lernt – „der gehört zu dem“ – „die Geschichte zu dieser“ … und natürlich die Patienten, die wir nun seit der Geburt begleiten und mit denen wir gemeinsam hoffentlich hier alt werden dürfen. Ebenso der Notfall in der Nachbarschaft aus der vollen Sprechstunde heraus. Da werden die alten „Hightechmedizin-Zeiten“ wieder abgerufen.

Nordlicht: Umfragen unter jungen Existenzgründern deuten darauf hin, dass sich wieder mehr von ihnen in ländlichen Regionen niederlassen. Woher könnte diese neue Lust aufs Landarztleben kommen?
Merkel: Ist das wirklich so? Ich hoffe es und kann es nur jedem empfehlen. Ich glaube allerdings, dass ein Ende des sogenannten Landärztemangels nicht absehbar ist. Im Gegenteil. Demografisch wandern wir aktuell weiter in ein Tal. Ich denke, dass momentan schon eine gewisse „Flucht aufs Land“ in allen Berufs- und Lebensbereichen präsent ist. Ich würde es sehr begrüßen, wenn auch ein paar Ärzte unter den „Flüchtenden“ sind.

Nordlicht: Was würden Sie jungen Kollegen raten, die eine Praxis auf dem Land übernehmen wollen?
Merkel: Das ist eine Frage, die ich sehr schwer beantworten kann. Für mich kam die Praxis in den ersten zehn Jahren meiner Tätigkeit überhaupt nicht in Frage. Mich „dürstete“ es nach Apparatemedizin. Ich wollte möglichst viele Krankheitsbilder kennenlernen und auch die Wissenschaft. Der zündende Funke „Praxisübernahme“ kam erst, nachdem ich das Gefühl hatte, viel gesehen und gemacht zu haben. Ich würde es immer wieder so machen. Der Weg „Studium – Landarzt“ ist für mich nicht vorstellbar.

Nordlicht: Wo sehen Sie selbst und Ihre Familie sich in fünf Jahren?
Merkel: Zuallererst hoffentlich alle fünf Jahre älter. Wirtschaftlich gefestigt, menschennah-medizinisch noch reifer und weiter in das Landleben integriert. Meine Frau sagte kürzlich: „Du und dein Dorf, du bist schlimmer als ich je war“. Ich glaube, eine bessere Bestätigung, dass der Weg der richtige ist, kann man nicht bekommen.