Dr. Karin Erasmi – Glückliche Gründerin

Dr. Karin Erasmi hat sich ihren Traum erfüllt. Die Fachärztin für Anästhesie meisterte den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin und eröffnete in Flintbek bei Kiel eine neue Hausarztpraxis. Im Interview berichtet sie vom hindernisreichen Weg zur eigenen Praxis.

Wie lief die Startphase Ihrer Praxis?

Dr. Karin Erasmi: Sehr engagiert, aber auch etwas chaotisch, denn der Praxisstart fiel durch eine Verzögerung mitten in die Bauphase. Verschieben konnten wir ihn nicht, denn der Eröffnungstermin war gesetzt, entsprechend kommuniziert und die Patienten haben auf uns gewartet. Letzten Endes ist aber alles gut gelaufen und wir hatten im ersten Quartal schon 300 Patienten. Für eine neue Praxis ein sehr guter Wert. Es kamen Jung und Alt, darunter viele junge Mütter mit ihren Kindern aus den Neubaugebieten Flintbeks, aber auch viele alleinlebende ältere Frauen.

Warum haben Sie sich für den ländlich geprägten Standort Flintbek entschieden?

Erasmi: Ich wohne selbst seit fast sieben Jahren in der Region, bin aber die ganze Zeit nach Lübeck gependelt und deshalb nie richtig hier angekommen. Das wollte ich ändern. Es war daher eine ganz bewusste Entscheidung von mir, als Hausärztin aufs Land zu gehen. Außerdem mag ich die bodenständige und naturverbundene Art der hier lebenden Menschen. Ich gehe gern mit der Arzttasche zum Hausbesuch auf einen Bauernhof. Eine Standortanalyse ergab zudem viele günstige Faktoren: mehrere Neubaugebiete mit jungen Familien, ein engagierter, junger Bürgermeister und eine sehr aktive Wirtschaftsgemeinschaft vor Ort. Ich spürte, dass man hier etwas bewegen will. Außerdem gab es zwar vier männliche Kollegen in Flintbek, aber noch keine Ärztin.

Was reizt Sie an der freiberuflichen Tätigkeit in der eigenen Hausarztpraxis?

Erasmi: Mich reizen Selbstbestimmung und Autonomie. Mich reizt es, Dinge zu gestalten, umzusetzen und dabei meinen eigenen Weg zu gehen. Mich reizen vernetzte Arbeit und Kommunikation auf Augenhöhe mit den anderen Kollegen aus dem ambulanten Bereich. Mich reizt es, in meiner Praxis mehr zu leisten als qualitativ und handwerklich gute Medizin. Ich bin mit vielen anderen spannenden Themen wie Personalführung, Team- und Mediengestaltung und Betriebswirtschaft befasst. Außerdem kann ich meine Arbeitszeiten selbst einteilen und bin nicht Sklave eines Dienstplans oder anderer hierarchischer Strukturen wie sie in der Klinik bestehen. Den besonderen Wert der Hausarztmedizin macht für mich dabei aus, dass hier allumfassendes Wissen gefordert ist. Mein jüngster Patient ist vier Monate, meine älteste Patientin 101 Jahre alt. Die Spannbreite der Fälle ist also sehr hoch.

Warum wählten Sie die Form einer Praxisneugründung und nicht die Übernahme einer bestehenden Praxis?

Erasmi: Das ist unüblich, doch eine alte und überteuerte Praxis wollte ich nicht übernehmen. Kooperationen mit Kollegen vor Ort, die ich durchaus angestrebt habe, zerschlugen sich. Ich wollte von Anfang an neue Strukturen, selbstbestimmt arbeiten und Chefin sein. Da kam eigentlich nur noch eine Neugründung in Frage. Die ist zwar sehr risikoreich, zumal ich das ganze Projekt komplett fremdfinanziert habe, aber das schreckt mich nicht. Ich arbeite sehr gern und sehr viel, wenn die Arbeitszufriedenheit so stimmt wie jetzt. Ich empfinde es jeden Tag als echten Luxus, dass ich mir meinen eigenen Arbeitsplatz zu den Bedingungen einrichten konnte, die mir entsprechen.

Was waren die größten Schwierigkeiten bei der Neugründung?

Erasmi: Ein wenig Irrsinn gehörte von Anfang an dazu, denn als Neugründerin einer Arztpraxis passte ich anscheinend in keine Schublade. Dramatisch waren vor allem die Umstände der Finanzierung. Ich musste ein sehr hohes Darlehen im sechsstelligen Bereich aufnehmen. Das Geld wurde mir zuerst zwar prinzipiell auch bewilligt, aber kurz vor der entscheidenden Unterschrift bemerkte ich einen Passus im Vertrag, demzufolge ich nicht unterschreiben konnte. Ich musste also innerhalb von einer Woche eine sehr hohe Summe auf eigene Faust organisieren. Letztlich halfen mir zwei liebe Menschen mit einem Privatdarlehen aus: meine Schwiegermutter und ein guter Freund. Dann waren noch 19 weitere Telefonate mit der Bank nötig, bevor letztlich alles in trockenen Tüchern war. Den Zuschlag bekam eine Bank aus der Region Flintbek.

Wie kamen Sie auf die Idee, fachlich noch einmal von der Anästhesie Richtung Allgemeinmedizin umzusatteln?

Erasmi: Unlust am Fach war es eindeutig nicht, denn ich war 20 Jahre lang leidenschaftlich gern Anästhesistin. Mich reizte vor allem die Chance, mich selbstständig zu machen. Ich wollte noch einmal etwas Neues erfahren und Kapitän statt Matrose sein. Ich organisiere und manage gern und das wollte ich einbringen. Ich bin Mitte vierzig und hatte genug davon, in der Klinik Dinge umsetzen zu müssen, von denen ich nicht immer hundertprozentig überzeugt war. Die medizinische Versorgung des Patienten hat mir nicht mehr gereicht, denn ich hatte als Anästhesistin ja immer nur einen kleinen Ausschnitt, wollte aber ein größeres Bild vom behandelten Menschen und seinen Lebensumständen. Ich erfuhr z. B. nie, was aus den Patienten nach der Operation wurde und wie ihre poststationäre Versorgung aussah. In der Klinik fehlte oft die Zeit für Gespräche mit Kollegen und Patienten und das hat mich unzufrieden gemacht. Die Allgemeinmedizin hielt ich als Fachgebiet für eine hochspezialisierte Generalistin, die ich als Anästhesistin ja bin, für sehr gut geeignet. Der Quereinstieg machte für mich in jeder Hinsicht Sinn.