Dr. Alexander Horak – Von Hamburg nach Glückstadt in 33 Minuten

Leben in der Metropole, Hausarzt in der Kleinstadt. Für Dr. Alexander Horak ermöglichte die Aufhebung der Residenzplicht, beides miteinander zu verbinden.

In einer eigenen Praxis Patienten versorgen und das möglichst nicht in der Großstadt. Das war der Wunsch von Dr. Alexander Horak, als er nach Studium, verschiedenen Krankenhausstationen, einer Facharztweiterbildung zum Allgemeinmediziner und vier Jahren Berufserfahrung als angestellter Hausarzt den Entschluss fasste, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Auch die richtige Praxis fand sich bald. Ein Kollege in Glückstadt im Kreis Steinburg suchte händeringend einen Nachfolger. Nach Gesprächen mit dem bisherigen Praxisinhaber war schnell klar: „Das passt.“ Blieb nur ein Problem: Im Familienrat, so erzählt Horak, Vater von zwei Kindern, hätte es keine Mehrheit für einen Umzug in die 11.000-Einwohner-Stadt an der Elbe gegeben. Denn der Allgemeinmediziner wohnt mit seiner Lebensgefährtin und den Kindern im Alter von fünf und acht Jahren in Hamburg-Eimsbüttel. Und wie es so ist in der Mitte des Lebens: Die Partnerin hat ebenfalls einen guten Job, den sie so in Glückstadt nicht wiederfinden könnte, die Kinder gehen in den Kindergarten und die Grundschule, haben sich in Eimsbüttel ihre kleine Welt erschlossen und Freunde gefunden. Schlechte Voraussetzungen, um mit der Familie fast 60 Kilometer und eine Autostunde weiter elbabwärts zu ziehen, um eine Kleinstadtpraxis zu übernehmen. Die Familie, da ist sich der überzeugte Allgemeinmediziner sicher, hätte darunter gelitten.

Gesetzesänderung schafft Flexibilität

Noch vor gut zwei Jahren wäre dies das Ende der Überlegungen des Wahl-Hamburgers gewesen, Hausarzt in einer eigenen Praxis in Glückstadt zu werden. Denn bis Ende 2011 galt für niedergelassene Ärzte eine Residenzpflicht. Sie besagte, dass der Doktor im näheren Umfeld seiner Praxis zu wohnen habe. Eine Vorschrift aus Zeiten, in denen insbesondere die Versorgung außerhalb der Sprechstundenzeiten durch die im jeweiligen Ort praktizierenden Ärzte zu regeln war. Eine Vorgabe, die sich zunehmend als Niederlassungshemmnis erwies und Anfang 2012 durch eine Gesetzesänderung aufgehoben wurde. Seither ist die Residenzpflicht Geschichte. Niedergelassene Ärzte können ihren Wohnort frei wählen, wie jeder andere Selbstständige oder Arbeitnehmer auch. Leben in der Metropole und arbeiten als Arzt auf dem Land muss seither kein Widerspruch mehr sein. „Für mich perfekt“, urteilt Hausarzt Horak. Denn so wenig er mit seiner Familie derzeit Eimsbüttel den Rücken kehren kann und will, so sehr war dem gebürtigen Österreicher daran gelegen, eine Praxis an einem ländlich-kleinstädtischen Standort zu übernehmen. Eine Tätigkeit als Hausarzt in Hamburg kam für ihn nicht in Frage. Dort, so Horak, würde er aufgrund der höheren Facharztdichte viele Krankheitsbilder nie zu Gesicht bekommen. Die Herausforderungen und die Vielseitigkeit, die für die Tätigkeit als Allgemeinarzt außerhalb großer Städte prägend sind, machen für ihn gerade den Reiz der hausärztlichen Medizin aus. Außerdem wollte er gern dort arbeiten, wo er das Gefühl hat, wirklich gebraucht zu werden. Und das war in Glückstadt der Fall, stand doch die in einem ehemaligen Gerichtsgebäude untergebrachte Hausarztpraxis kurz vor der Schließung. Und auch für die Frage, ob er sich jeden Tag den Weg von Hamburg zur knapp 60 Kilometer entfernten Praxis zumuten möchte, auch im Winter bei Eis und Schnee, fand sich durch einen Blick auf den Fahrplan der Bahn eine Lösung: Nur 33 Minuten braucht der Zug von Hamburg-Altona bis nach Glückstadt. „Ich fahre in Hamburg zehn Minuten mit dem Fahrrad zum Bahnhof, hier in Glückstadt sind es vom Bahnhof zur Praxis nur wenige Fußminuten“, beschreibt der Mediziner seinen täglichen Weg. Damit war die Entscheidung gefallen.

Die Praxisübernahme

Im März 2013 übernahm Horak die Praxis von seinem Vorgänger. Eine gute Lösung auch für die Patienten, denn die alteingesessene Praxis konnte erfolgreich an einen jüngeren Arzt übergeben und eine Schließung abgewendet werden. Und wie reagieren die Patienten? „Gar nicht“, stellt Horak zufrieden fest. Wo er wohnt, so seine Erfahrung, ist für seine Patienten nicht wichtig. Er selbst kann dem Pendeln sogar positive Seiten abgewinnen. Die Zeit im Zug lasse sich gut nutzen, um medizinische Fachjournale zu lesen. Dazu bleibe im Praxisalltag, wenn das Wartezimmer voll ist, kaum Zeit. Außerdem, berichtet Horak, könne er sich gut in die Lage der vielen Patienten versetzen, die selbst täglich auf Straße oder Schiene unterwegs sind, um in der Gegenrichtung zur Arbeit nach Hamburg zu pendeln. Im Gespräch wird klar: Ohne die neue Flexibilität, als Arzt oder Ärztin in der Kleinstadt oder auf dem Land tätig zu werden, ohne gleich mit der ganzen Familie an den Ort der Praxis umziehen zu müssen, hätte der 42-Jährige die Entscheidung für die Praxisübernahme nicht treffen können. Für seine derzeitige Lebenssituation ist die Möglichkeit, Großstadtbewohner und Kleinstadtarzt in einer Person sein zu können, die Idealkombination. Und dass er für immer Pendler bleibt, ist keineswegs sicher. Sind die Kinder erst größer und gehen eigene Wege, könne er sich auch einen Umzug nach Glückstadt vorstellen, deutet Horak an.