Dr. Anja Hollandt – Langsam hineingewachsen

Dr. Anja Hollandt, Fachärztin für Allgemeinmedizin führt eine eigene Praxis in Travemünde. Vorher war sie sechs Jahre lang mit unterschiedlicher Stundenzahl als angestellte Ärztin tätig.

Was sprach in Ihrer Lebensplanung lange Zeit für die Arbeit als Angestellte?

Dr. Anja Hollandt: Während meiner Weiterbildungszeit konnte ich problemlos Teilzeit arbeiten. Das änderte sich, als ich meine drei Kinder bekommen hatte, denn danach arbeitete ich wieder Vollzeit. Ich blieb also immer flexibel und konnte meine Arbeitszeit der familiären Situation anpassen. Als die Kinder klein waren, kam es für mich nicht in Frage mich niederzulassen oder Vollzeit zu arbeiten. Ich habe mich in den Bereichen Praxisführung, Finanzen und Abrechnung aber auch viel zu unsicher gefühlt, um den großen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Warum haben Sie sich doch für eine eigene Praxis entschieden?

Hollandt: Ich habe viele Jahre als angestellte Ärztin in einer Praxis gearbeitet und bin dadurch automatisch immer mehr in die Abläufe hineingewachsen. Ich hatte immer meine „eigenen“ Patienten und fühlte mich „als ob“ ich niedergelassen bin. Die Zeit war nun reif, den letzten Schritt zu machen. Man kann als Angestellter zwar viele Dinge beeinflussen, aber die letzte Entscheidung liegt eben doch beim Chef und der wollte ich gern selbst sein. Vielleicht ist es auch ein Stück weit eine Alters- bzw. Erfahrungsentscheidung. Ich fühlte mich einfach bereit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Außerdem kannte ich die Praxis und wusste, worauf ich mich einlasse.

War das auch eine bewusste Entscheidung für die freiberufliche Tätigkeit?

Hollandt: Ja, denn das Ziel, irgendwann eine eigene Praxis zu führen, hatte ich immer im Hinterkopf. Es wurde durch die Phase der Anstellung nur aufgeschoben. In ärztlicher Hinsicht konnte ich schon immer frei entscheiden, aber in Bezug auf Praxisorganisation und Personal kann ich das erst jetzt, wo ich die Praxis selbst führe und an den Stellschrauben drehen darf.

Hat sich der Schritt gelohnt?

Hollandt: Ja, mit der Praxisübernahme ist eine neue positive Form von Verantwortung hinzugekommen. Das ist reizvoll, aber manchmal auch anstrengend. Das „Chefsein“ erfordert viel Umsicht, denn letztlich sollen ja alle in der Praxis Tätigen zufrieden sein und nicht nur ich.
Freiberuflich tätig in der eigenen Praxis oder angestellt arbeiten? Welcher Form gehört die Zukunft?
Hollandt: Beide Formen haben ihre Berechtigung und werden parallel existieren. Für die vielen jungen Frauen, die jetzt nachrücken, bleibt die Angestellten- bzw. Teilzeitvariante sehr attraktiv. Das muss aber nicht bedeuten, dass diese Frauen in einer späteren Lebensphase nicht doch eine eigene Praxis übernehmen möchten, wenn die Rahmenbedingungen es zulassen.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine Art „Gründerboom“ im niedergelassenen Bereich zu initiieren, was würden Sie tun?

Hollandt: Bei vielen Ärzten ist die Angst vor der betriebswirtschaftlichen Komponente einer Praxisübernahme immer noch weit verbreitet. Universitäten, Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung sollten hier als unabhängige Dienstleister auftreten, Fortbildungen, Seminare und Schulungen anbieten und dieses Feld nicht allein den Banken überlassen. Gleiches gilt für die Kernkompetenz Mitarbeiterführung, die ja auch nicht jedem gleich mit in die Wiege gelegt wird.