Holger Helbing – Vom Bund ins Barkauer Land

In der beruflichen Vita vieler niedergelassener Ärzte in Schleswig-Holstein spielt die Bundeswehr eine wichtige Rolle. So auch bei Holger Helbing, der zehn Jahre lang als Marinearzt im Norden gedient hat. Im Interview erklärt der Landarzt aus Kirchbarkau im Kreis Plön, wie ihn die Zeit beim Bund geprägt hat und seinen Weg in die Allgemeinmedizin beeinflusste.

Herr Helbing, Sie wollten immer schon Allgemeinmediziner werden, sind aber nach dem Studium nicht direkt in die Niederlassung gegangen, sondern haben als Marinearzt gearbeitet. Wie kam es dazu?

Holger Helbing: Ich habe nicht, wie viele andere Ärzte meiner Generation, über den Bund Medizin studiert. Auch meinen „Arzt im Praktikum“ in Chirurgie habe ich noch als Zivilist am Krankenhaus gemacht. Dann hatte ich allerdings ein echtes Problem. Mitte der neunziger war es fast unmöglich, als zukünftiger Allgemeinmediziner einen Weiterbildungsplatz in Innerer Medizin an einer Klinik zu bekommen. Die Bundeswehr bot aber genau diese Möglichkeit und so fing ich bei der Marine an. Zunächst wollte ich nur vier Jahre bleiben, um meinen Facharzt für Allgemeinmedizin zu machen. Dann blieb ich aber insgesamt doch zehn Jahre, fünf Jahre davon als Schiffsarzt. Die Arbeit gefiel mir gut und ich kam viel herum. Meine Standorte waren Kiel, Eckernförde, das Schifffahrtsmedizinische Institut der Marine in Kronshagen und der Truppenübungsplatz Putlos in Ostholstein. Dazu kommen diverse Einsatzfahrten auf Schiffen der Bundesmarine, z. B. im Mittelmeer während des Jugoslawien-Krieges.

Sie hätten sich eigentlich auch viel schneller niederlassen können. Ihren Facharzt hatten Sie ja in der Tasche. War die lange Zeit bei der Bundeswehr kein unnötiger Umweg?

Helbing: Nein, mein Weg über die Station Bundeswehr in die Niederlassung war kein biografischer Zickzackkurs. Im Gegenteil, eher eine sehr gute Vorbereitung auf meine jetzige Arbeit als Landarzt.

Das müssen Sie erklären.

Helbing: Vieles, was ich als Schiffsarzt gemacht und gelernt habe, hilft mir heute bei meiner Arbeit als Landarzt und hat mich auch entsprechend geprägt. An Bord lebt der Arzt in direktem Kontakt mit der Mannschaft. Er ist sechs Monate auf See mit denselben 300 Leuten zusammen. Da kennt er sehr schnell den persönlichen Hintergrund vieler seiner Patienten und kann so die Hintergründe vieler Erkrankungen besser beurteilen. Das ist in einer Gegend mit dörflicher Struktur ähnlich. Auch als Landarzt kennt man seine Leute – sei es nun von der Feuerwehr oder aus dem Kindergarten. Als Schiffsarzt wie als Landarztmuss man außerdem oft Dinge in Angriff nehmen, für die kein Krankenhaus oder Facharzt sofort zur Verfügung steht, z. B. in der kleinen Chirurgie oder wenn ein Patient nicht transportfähig ist. Man lernt, nichts als Katastrophe zu betrachten, sondern die Dinge pragmatisch anzugehen.

Ältere Menschen und Kinder, die zum klassischen Patientenklientel von Hausärzten gehören, gibt es bei der Bundeswehr nicht. Ist das kein Nachteil für einen angehenden Hausarzt?

Helbing: Nein. Alle Bundeswehrärzte, die dort ihre Weiterbildung zum Allgemeinmediziner machen, werden für eine gewisse Zeit in Zivilpraxen abkommandiert. Ich war z. B. ein halbes Jahr für die Arbeit in einer Hausarztpraxis in Kiel freigestellt. Die Bundeswehr bietet außerdem ein großes Angebot an Fortbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, z. B. in den Bereichen Tropen- oder Katastrophenmedizin, Psychotherapie oder manuelle Therapie, die ich als angehender Allgemeinmediziner gern genutzt habe. Wer es wollte und sich selbst darum gekümmert hat, konnte eine Menge hausärztliches Know-how mitnehmen.

Nach zehn Jahren Bundeswehr machten Sie einen Schnitt und ließen sich als Landarzt in Kirchbarkau nieder. Warum dieser Entschluss?

Helbing: Ich wollte das unbedingt. Der Schritt in die Niederlassung war gut geplant, denn meine Dienstzeit beim Bund lief in dem Jahr ab, als die Praxis frei wurde. Ich hatte meinen Praxisvorgänger schon einige Zeit vorher kennengelernt und auch schon mal die Ferienvertretung bei ihm gemacht. Ich kannte Praxisstruktur und Personal und wusste, worauf ich mich einlasse. Es war Zeit für etwas Neues.

Kam nichts anderes in Frage, z. B. der Wechsel ans Krankenhaus?

Helbing: Nein, für mich kam schon rein emotional nichts anderes als die Arbeit in der eigenen Praxis in Frage. Schon bei der Bundeswehr hat mich die starre Planwirtschaft bei der Materialbeschaffung oder der Personalzuweisung oft gestört. Das wollte ich mir nicht mehr antun, sondern lieber selbst bestimmen und gestalten, wie mein Laden zu laufen hat und welche Form von Medizin ich den Patienten biete. Jede Form von Fremdbestimmung geht mir gegen den Strich und in der eigenen Praxis auf dem Land habe ich am wenigsten davon auszuhalten.

Die Bundeswehr hat viele Standorte im Norden abgebaut, auch Sanitätseinheiten mit entsprechendem ärztlichen Personal. Wirkt sich das eventuell auch auf die Niederlassungsquote aus?

Helbing: Das kann schon sein. Ein Bundeswehrkrankenhaus gibt es im Norden nur noch in Hamburg. In meiner Altersgruppe fallen mir sofort noch zehn Kollegen ein, die jetzt als niedergelassene Ärzte in Schleswig-Holstein arbeiten. Jüngere Kollegen mit Bundeswehrvergangenheit gibt es nicht mehr sehr viele. Diejenigen, die ich kenne, planen von Anfang an länger bei der Bundeswehr zu bleiben, weil die Karrierechancen heute auch deutlich besser sind. Es kommt dabei aber auch sicher das neue Einsatzspektrum der Bundeswehr hinzu. Wer sich dort heute als Arzt bewirbt, weiß, dass er mindestens die Hälfte seiner Dienstzeit im Ausland verbringen wird.