Dr. Claudia Derichs – Von der Klinik auf die Insel

Hausärztin Dr. Claudia Derichs wagte den Wechsel. Nach zwölf Jahren Arbeit als Anästhesistin in Großstadtkliniken sattelte sie beruflich noch einmal um.

Dr. Claudia Derichs blickt zufrieden auf ihr neu gebautes reetgedecktes Friesenhaus und den davor gelegenen malerischen Bauerngarten. Direkt im Erdgeschoss liegt die großzügig eingerichtete Hausarztpraxis. Rückblickend staunt die 49-Jährige immer noch ein wenig darüber, dass ihr Lebensweg sie einmal zur Inselärztin auf Amrum machen würde. Sie war 2003 als Anästhesistin auf die Nordseeinsel gezogen und sieben Jahre später eröffnete sie als Allgemeinmedizinerin in Nebel ihre eigene Praxis. Dabei war Amrum der gebürtigen Rheinländerin anfangs nur aus dem Urlaub ein Begriff, doch dann schlug sie dort schnell Wurzeln. Einen festen Plan, ganz auf der Nordseeinsel zu bleiben und dort eine Hausarztpraxis zu gründen, hatte sie anfangs nicht. Seit ihrer Studienzeit hatte sie in größeren Städten gelebt und gearbeitet, zuletzt in Hannover. „Ich wollte mehr Ruhe in mein Leben bringen und als ersten Schritt erst einmal ein Jahr lang keine Nachtdienste mehr machen, wie ich das von meiner Arbeit am Krankenhaus her kannte“, erzählt Derichs. Deshalb fing sie auf Amrum zunächst als Klinikärztin an der Mutter-Kind-Kurklinik in Norddorf an, wo diese Regelung möglich war.

Umstieg in die Hausarztmedizin

Parallel dazu machte Derichs ab 2004 dann und wann Praxisvertretung bei einer altgedienten Amrumer Hausärztin in Wittdün. Von ihr kam eines Tages das Angebot, doch die Praxis ganz zu übernehmen, da sich kein geeigneter Nachfolger fand. „Über den Vorschlag habe ich zuerst nur müde gelächelt. Schließlich war ich Anästhesistin und keine Allgemeinmedizinerin. Es war aber der entscheidende Wink, denn die Arbeit in der Hausarztpraxis hatte mir viel Spaß gemacht und so bin ich ins Grübeln gekommen“, erzählt Derichs. Sie „bebrütete“ die Idee und fasste den Entschluss, noch ihren Facharzt für Allgemeinmedizin zu machen und dann den frei werdenden Praxissitz zu übernehmen. Die Schönheit und Ruhe der Insel kamen als gute Argumente hinzu. Als dann auch noch ihr Lebensgefährte – ebenfalls Anästhesist – zustimmte, nach Amrum zu ziehen und an der dortigen Klinik zu arbeiten, waren die Würfel für den Umstieg in die Niederlassung endgültig gefallen. „Allein hätte ich es jedoch nicht gemacht“, bekennt sie. „Aber nun stimmte alles. Die Insel bietet uns jede Menge Lebensqualität. Am Meer zu wohnen ist genau mein Ding. Wir haben auf der Insel im Vergleich noch eine ziemlich heile Welt. Ich muss nicht mal die Tür abschließen, wenn ich das Haus verlasse“, schwärmt sie. „Dazu fehlen viele Dinge, die in der Stadt enorm stressen. Auf Amrum gibt es z. B. keine Ampel.“

Der Weg zum Ziel

Doch die relative Abgeschiedenheit der Insel brachte auch Probleme mit sich. Die Ausbildungsabschnitte Innere Medizin und Allgemeinmedizin konnte Derichs zwar zum größten Teil an der Mutter-Kind-Kurklinik in Norddorf ableisten. Den Bereich Chirurgie bekam sie durch ihre frühere Kliniktätigkeit angerechnet. „Ich war aber trotzdem zwei Jahre lang sehr viel mit der Fähre und auf Schleswig-Holsteins Landstraßen unterwegs, denn längst nicht alles konnte ich auf Amrum ableisten. Fast drei Jahre lang besuchte ich Fortbildungen und diverse Kurse wie psychosomatische Grundversorgung und Badearztanerkennung an verschiedenen Orten auf dem Festland. Das war nicht immer leicht zu organisieren, aber es hat sich gelohnt“, erzählt sie. 2009 machte Derichs dann ihre Facharztprüfung im Fach Allgemeinmedizin und schon ein Jahr später übernahm sie den angestrebten Hausarztsitz. Den verlegte sie von Wittdün in die Inselmitte nach Nebel und ließ dort das kombinierte Praxiswohnhaus bauen.

Erfüllende Rolle als Inselärztin

Die neue Rolle als Inselärztin brachte zunächst einmal jede Menge neuer Verantwortung mit sich. „Ich war auf ganz anderen Gebieten gefordert als an der Klinik. Es kamen viele neue Aufgabenbereiche hinzu, z. B. in der Mitarbeiterführung und im Bereich Praxismanagement. Außerdem musste ich einen Kredit aufnehmen, um mir die Praxis nach meinen Vorstellungen bauen zu können. Das hat mir in der Startphase einige schlaflose Nächte bereitet, denn ich bin eigentlich nicht der Eigenheim-Typ, der gern über einen langen Zeitraum seine Raten abzahlen muss“, erzählt Derichs. Trotzdem zieht sie nach mittlerweile vier Jahren in der eigenen Praxis für sich eine durchweg positive Bilanz: Die Praxis läuft sehr gut, das Team zieht an einem Strang und auch die Arbeit in der Sonderrolle als Inselärztin gefällt ihr sehr gut. „Es ist durch die besondere geografische Lage herausfordernder, auf der Insel als auf dem Festland in einer normalen Hausarztpraxis zu arbeiten“, findet sie. Manchmal ist es auch richtig aufregend. Erst vor kurzem wurde Derichs während eines nächtlichen Notfalleinsatzes auf hoher See vom Rettungshubschrauber direkt auf einen Fischkutter abgeseilt. Ein Fischer hatte sich verletzt und musste an Bord notfallmedizinisch versorgt werden. „Das hatte schon den Hauch von einem James Bond-Einsatz, auch wenn ich bei der Dunkelheit zuerst nicht viel gesehen habe“, erklärt Derichs.

Ziele für die Zukunft

Amrum hat noch weitere Besonderheiten, auf die sie sich einstellen musste. In den Sommermonaten kommen besonders viele Urlauber in ihre Praxis. Neben einem Kollegen in Norddorf ist sie aber die einzige niedergelassene Hausärztin auf Amrum, sodass sie die Arbeit dann allein kaum bewältigen konnte. Nun unterstützt sie ihr Mann in dieser Zeit als Entlastungsassistent. „Im Winter kann er dann wieder in der Klinik arbeiten. Das funktioniert sehr gut, doch mittel- bis langfristig möchte ich gern noch einen Arzt in Weiterbildung in mein Team aufnehmen. Ich möchte erreichen, dass eben nicht alles nur an mir hängt und nur auf mich zugeschnitten ist. Der Praxisbetrieb muss auch eine Zeitlang mal ohne mich funktionieren, z. B. wenn ich mal Urlaub außerhalb der Insel machen möchte. Das zu schaffen wäre mein nächster Traum. Wer also Lust aufs Inselleben hat, kann sich gern bewerben“, so Derichs.